Podcast #68: Eigentlich war im Interview von Thomas Wuttke mit Wolfram Müller geplant, das Thema Beyond Agile zu beleuchten. Aber nach dem Einstieg in die Engpasstheorie wurde es zeitweise sehr philosophisch mit erstaunlichen Erkenntnissen über die alltägliche Anwendung des Flussprinzips.

Drei Zustände eines Systems

„Welche drei Zustände kann ein System haben?“ werde ich von Wolfram Müller gefragt, den ich aus gemeinsamen Projektzeiten bei der 1&1 Internet AG kenne. Ich lerne: Reibungslos (Idealzustand, Alles im Fluss), Verstopft (zu viel Last auf dem System, es entsteht Stau und Chaos) und Langeweile, weil das System unterfordert ist. So die drei Zustände des Flussprinzips und Systeme können hier sein: Autobahn, Party, Projekt, Produktentwicklung, Kühlschrank und letztlich auch das eigene Leben.

Das klingt im ersten Moment nach einer Selbstverständlichkeit. Interessant wird die Betrachtung aber, wie Organisationen mit diesen Zuständen umgehen. Was passiert, wenn zu viele Projekte angenommen werden? Die Auslastung nähert sich den 100%. Der Controller jubiliert im Chor mit dem Bereichsleiter. Aber beim Mitarbeiter entsteht durch den Stau  Mehrarbeit, Überstunden, Frust und die Qualität sinkt.

Wie lauten darauf die Antworten des Managements? Effizientere Prozesse einführen. Prozessverbesserungen implementieren, um die Qualität zu verbessern. Externe Berater anheuern, um die Motivation der Mitarbeiter zu steigern. Und wenn 95% gehen, gehen doch auch noch 96%, oder?

Wollten Sie in einer Gemeinde leben, in der die Feuerwehr sagenhafte 96% Auslastung in der Brandbekämpfung berichtet? Die Straßen zu 95% ausgelastet sind? Oder das Kino? Oder der Kardiologe? Die Liste ist endlos.

Flussprinzip

Fluss entsteht durch Pull. Pull heißt: Sobald wieder „Luft ist“ kommt das Nächste dran. Tod dem Multitasking. Luft braucht Luft, neudeutsch Puffer. Ohne Puffer kein Fluss, ohne Fluss keine Qualität und Kundenzufriedenheit. Und vor allem keine Innovation. Diese Prinzipien sind nicht neu. Es sind im Kern die „Lean“-Methoden, die genau das lehren. Unser derzeitiges Managementmantra ist aber nach wie vor vom Gedanken der Fließbandarbeit geprägt. Allein schon der Begriff „Human Ressource“ sollte nachdenklich stimmen.

Egal ob lean, Engpass oder agil: All das sind Antworten auf die drängende Frage, wie ein idealer Systemzustand erreicht werden kann, bei dem alles im Fluss ist.

In dem Moment, in dem das Problem von dieser Seite betrachtet und erkannt wird, kann man im Portfolio auch entsprechende Metriken setzen, um den (Stau-)Zustand zu visualisieren und entsprechend zu handeln. Vor einem Alpentunnel würde man das Blockabfertigung nennen.

Chef und Controller sind davon im ersten Moment nicht begeistert. Aber nur kurzzeitig, denn anschließend kommt das große Lachen zurück.


(MPOD068) Letzte Aktualisierung: 30. Januar 2019, (c) Copyright by Gita GmbH Herrsching.