Ende Juni 2019 hat PMI wie angekündigt die neue PMP® Exam Content Outline für das neue PMP-Examen veröffentlicht. Das neue PMP-Examen wird die Änderungen ab dem 16.Dezember 2019 übernehmen. Dieser Artikel beschreibt Änderungen, Implikationen sowie eine persönliche Einschätzung.

Von Thomas Wuttke, PMP, PMI-RMP, PMI-ACP, CSM

Die Role Delineation Study als Grundlage für das neue PMP-Examen

Role Delineation Study PMI

Exam Content Outline

Dem PMP-Examen liegt eine sogenannte Role Delineation Study (RDS) zugrunde. Dies ist eine Funktions- bzw. Aufgabenbeschreibung des Berufsfelds eines Projektleiters und wird alle drei bis fünf Jahre durchgeführt. Die letzte Studie stammt aus dem Juni 2015 und bildet die Grundlage der augenblicklichen Prüfung.
Entgegen der landläufigen Meinung ist das PMP-Examen keine Prüfung auf den PMBOK® Guide. PMI schreibt wörtlich, dass der PMBOK® Guide zwar eine der Quellen für das Examen ist, aber die Grundlage für die Prüfung seit geraumer Zeit die jeweils gültige RDS ist. So soll sichergestellt werden, dass das Arbeitsgebiet eines Projektleiters (unabhängig von Veröffentlichungen von PMI) beschrieben wird, im Sinne von:  wie sich der Beruf entwickelt hat, wie sich Trends entwickeln und wie sich die Verantwortlichkeiten der Projektmanager verändert haben.

Entwickelt wird die RDS unter der Federführung eines Unterauftragnehmers, zusätzlich mit Hilfe von einer stattlichen Anzahl Volunteers und Experten aus dem Umfeld des Projektmanagements.
Die RDS aus dem Jahr 2015 wurde unter der Federführung von Professional Examination Service (ProExam) entwickelt, die Version 2019 von Alpine Testing Solutions.

Die Struktur der PMP Exam Outline

Die neue Examen Outline besteht aus drei Komponenten. Diese sind:

  • Domäne – Eine Art Wissensbereich (Nicht zu verwechseln mit Wissensgebiet aus dem PMBOK® Guide)
  • Aufgaben (Tasks) – Liste der Aufgaben, die ein(e) Projektleiter(in) in diesem Bereich beherrschen sollte
  • Mittel (Enablers) – Anschauliche Beispiele für die mit der Aufgabe verbundene Arbeit. Die in der Outline genannten Enabler sind aber nicht abschließend formuliert, sondern stellen nur Beispiele dar, die zeigen, was die jeweilige Aufgabe umfassen könnte.

Die Enabler kamen in dieser 2019er Version neu dazu und bilden eine gute Orientierung für die Inhalte des neuen PMP Examens.

Beispiel:
Es gibt die Aufgabe „Zusammenarbeit mit Stakeholdern“ (Task #9, Domain 1), und die Exam Outline nennt für diese Aufgabe die folgenden Enabler:

  1. Bewertung des Engagementbedarfs für Stakeholder
  2. Optimierung der Abstimmung zwischen Stakeholderbedürfnissen, Erwartungen und Projektzielen
  3. Vertrauensaufbau sowie Einflussnahme auf die Stakeholder, um die Projektziele zu erreichen

Das Problem dabei ist, dass die Liste der Enabler nicht vollständig ist und daher im künftigen neuen PMP-Examen weiterhin für Überraschungen sorgen wird.

Änderungen zur alten Struktur

Die Domänen

Die Exam Outline Version 2015 hatte fünf Domänen, die so ähnlich klangen wie die Prozessgruppen im PMBOK® Guide, aber inhaltlich nicht deckungsgleich sind. Für den schnellen Leser war damit aber eine automatische Beziehung zum Guide hergestellt (die es aber so gar nicht gab).

Das Konzept von Prozessgruppen und Phasen im PMBOK® Guide ist genial, hat aber schon seit der ersten Ausgabe des PMBOK® Guide für viel Verwirrung gesorgt – und die bisherige Exam Outline hatte es bisher nicht leichter gemacht, sondern eher noch einen drauf gesetzt. Wie kann man denn jemandem erklären, dass die Namen der Outline und die der Prozessgruppen identisch sind, aber nicht deckungsgleich?

Beispiel: Die Aufgabe(Task) #4 aus der Domäne „Initiierung“ sagt, man möge „High Level Risks identifizieren„. Die Identifikation von Risiken ist aber ohne Zweifel der Prozessgruppe „Planung“ im PMBOK® Guide zuzuordnen. Verwirrend? Nein, unmöglich…

Die fünf Domänen der Examens Outline 2015:

  • Initiierung, 8 Tasks, Anteil an den PMP-Examensfragen 13%
  • Planung, 13 Tasks, Anteil an den PMP-Examensfragen 24%
  • Ausführung, 7 Tasks, Anteil an den PMP-Examensfragen 31%
  • Überwachung und Steuerung, 7 Tasks, Anteil an den PMP-Examensfragen 25%
  • Abschluss, 7 Tasks, Anteil an den PMP-Examensfragen 7%

Die drei Domänen der Examens Outline 2019…

…lösen diese Verwirrung komplett auf. Es gibt nur noch drei Domänen, die unter keinerlei Verdacht stehen, mit Wissensgebieten oder Prozessgruppen des PMBOK® Guides verwechselt zu werden.

Die Domänen und damit Grundlage für das neue PMP-Examen lauten:

  • People, 14 Tasks, Anteil an den PMP-Examensfragen 42%
  • Process, 17 Tasks, Anteil an den PMP-Examensfragen 50%
  • Business Environment, 4 Tasks, Anteil an den PMP-Examensfragen 8%

Damit hat die Exam Outline von 2015 fünf Domänen mit 42 Aufgaben (Tasks) beschrieben, während die Version 2019 nur noch drei Domänen mit 35 Tasks definiert.

In der Version 2015 gab es eine Liste von „übergreifenden Kenntnissen und Fähigkeiten“, die ein Projektleiter kennen und können muss. Diese ist in der Version 2019 zu Gunsten der Enablers verschwunden. Die Tasks sind nun besser beschrieben, dafür fehlt diese Liste.

Ob nun Inhalte geopfert wurden, ist aus dieser Flughöhe nicht ersichtlich. Oder andersrum: Die Wahrscheinlichkeit, auch im neuen PMP-Examen mit den üblichen Prüfungsfragen-Verdächtigen konfrontiert zu werden, ist hoch.

Agil

Die nächste große Änderung betrifft die Agilität. Hat es im bisherigen Examen mal eine einzige Frage nach einem Backlog gegeben, war dadurch der Wissensdurst im PMP-Examen nach Agilität bereits restlos erschöpft. Für die Version 2019 steht geschrieben:

„Die durch die Job Analysis durchgeführte Forschung bestätigte, dass die heutigen Projektmanagement-Praktiker in einer Vielzahl von Projektumgebungen arbeiten und unterschiedliche Projektansätze verwenden. Dementsprechend wird die PMP-Zertifizierung dies widerspiegeln und Ansätze über das gesamte Wertschöpfungsspektrum einbeziehen. Etwa die Hälfte der Prüfung wird prädikative Projektmanagementansätze abbilden und die andere Hälfte agile oder hybride Ansätze. Prädikative, agile und hybride Ansätze werden in den drei oben genannten Domänen gefunden und sind nicht auf eine bestimmte Domäne oder Aufgabe beschränkt.“

Kurzum: Die Hälfte des neuen PMP-Examens ist künftig agil/hybrid. Und das heißt nicht, dass es durch das Lesen des SCRUM Guides erledigt sein wird. Auf der anderen Seite wurde aber auch bereits die sechste Ausgabe des PMBOK® Guides als agil gehandelt und in der Tat sind den jeweiligen Wissensgebieten „agile Überlegungen“ vorangestellt. Außerdem gibt es den Agilen Praxisleitfaden obendrauf.

Aber leider dringt die Agilität nicht wirklich in die Tiefen des PMBOK® Guides ein. Da muss man nur den Prozess 5.4. anschauen (das ist der mit der WBS-Zerlegung) Hier wäre doch eine wirklich schöne und differenzierte Darstellung je nach Lebenszyklus sinnvoll gewesen. Aber bis dahin hat es für die Agilität nicht gereicht. Und derer gibt es ganz viele Beispiele.

Insofern darf man mehr als gespannt sein, wie PMI die 50% Agil-Fragen ausgestalten wird. Die große Unbekannte sozusagen…

Persönliche Einschätzung

Ich gebe ehrlich zu, dass mich der Umfang der Änderung für das neue PMP-Examen überrascht hat. Das klingt doch nach einer etwas größeren Geschichte. Vor allem die klare Ansage, dass sich die Hälfte der Fragen mit agile/hybriden Umgebungen auseinandersetzen werden, ist erstaunlich.

Das ist einerseits gut, stand der PMP doch schon seit Jahren in der Kritik, das Zertifikat der Wasserfall-Opas zu sein, während sich munter unter den Augen aller die wildesten agilen Zertifizierungen breit gemacht haben.

Andererseits kenne ich genug Projektleiter aus unserem Kundenkreis, die mit der Agilität noch nicht so viel am Hut haben und wahrscheinlich auch nicht haben werden. Ich habe noch immer meine berechtigten Zweifel, ob sich eine Brücke agil bauen lässt.

Ich bin überzeugt, dass die Zukunft des PMPs in den hybriden Projekten zu finden sein wird. Insofern geht das neue PMP-Examen ja in die richtige Richtung. Aber gleich die Hälfte der Fragen agil/hybrid?

Massive Anpassungen

Tatsache ist, dass sich nun auch die Vorbereitung auf die Prüfung massiv ändern wird. Sowohl von den Kandidaten, als auch von den Anbietern, da das neue PMP-Examen nun keinen Zweifel mehr offen lässt, dass es sich nicht um eine Prüfung auf den PMBOK® Guide handelt.
Immerhin widmet das neue PMP-Examen ja 50% der Domäne „Prozess“, da liegt der Verdacht nahe, dass sich dort ganz viele Themen aus dem Guide wiederfinden werden. Ich hoffe nur, dass in diesen 50% aber nicht nur die unsäglichen ITTOs übriggeblieben sind. In meinen Augen eine ganz große Akzeptanz-Schwachstelle des aktuellen PMP Examens. Aber da ja die Hälfte der Fragen agil sein wird – quer durch alle drei Domänen-, heißt das ja auch, das 50% der 50% den agilen Prozess abdecken? Jetzt wird es spannend!

Prüfungs-Run in 2019

Die Trainingsanbieter(-kollegen) haben ja schon immer gerne bei jedem Wechsel einer RDS oder einer neuen Version des PMBOK® Guides massiv die Werbetrommel gerührt, so dass man den Eindruck haben musste, das künftige Version eines PMP-Examens einer Arbeit für einen Nobelpreis gleichkäme.

Das wird im zweiten Halbjahr 2019 genauso sein, mit dem Unterschied, dass nun tatsächlich größere Veränderungen vor der Tür stehen.

Außerdem wechselt PMI ab dem 1.Juli 2019 den Partner für die Prüfungsabnahme. Prometric ist Geschichte. Wird jetzt alles besser? Zumindest Anlaufschwierigkeiten (in Form nicht verfügbarer Prüfungsplätze?) könnten angenommen werden.

Gepaart mit einem Prüfungs-Run im zweiten Halbjahr eine interessante Konstellation.

Mein Tipp an alle, die den PMP noch auf dem Zettel aber immer wieder verschoben haben: Legen Sie los! Ich würde mich an Ihrer Stelle beeilen. So ein halbes Jahr ist schnell vorbei. Und wir hatten schon einmal die Situation, dass es kurz vor einem Prüfungswechsel nur noch begrenzte Prüfungsplätze gab…

Über den Autor

Thomas Wuttke legte seinen PMP 1996 ab und ist einer der allerersten PMPs in Deutschland. Er war Chapter Officer im PMI Frankfurt Chapter, Begründer und langjähriger Präsident des PMI Munich Chapters (heute Southern Germany Chapter), drei Jahre lang Direktor am „Certification Board Center Board of Directors“ des PMI Certification Departments. Er erwarb 1998 (gemeinsam mit seiner Kollegin Peggy Gartner) die Rechte zur deutschen Übersetzung des PMBOK Guides der ersten Auflage und veröffentlichte den Standard in einem Verlag in Berlin. Die Übersetzung der zweiten Auflage erfolgte im Auftrag von PMI. Er war für kurze Zeit Chapter Mentor und in vielen PMI-Projekten involviert. Als eines seiner schönsten PMI Projekte gilt die Mitwirkung im Team bei der Entwicklung des PMI Code of Ethics and Professional Conduct.
Thomas Wuttke leitet eine Managementakademie, ist Autor mehrerer Bücher und hat in den vergangenen 20 Jahren tausende von Projektleitern auf das PMP-Examen vorbereitet. Heute finden die PMP-Vorbereitungen ausschließlich hybrid statt, in einem Mix von Online und Präsenzanteilen.

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