In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der „Anatomie“ der PMP-Fragen. Wie werden sie erstellt, woher kommen die Fragen, und wie sehen sie aus. Nach Durchsicht dieses Beitrags verstehen Sie vielleicht einige Merkwürdigkeiten im PMP-Examensprozess besser und sind auf die unterschiedlichen Fragentypen vorbereitet.

Von Thomas Wuttke, PMP

Wo kommen PMP Fragen überhaupt her?

Grundsätzlich werden die PMP Fragen von Praktikern erstellt, meistens sehr erfahrene Leute, fast immer PMPs. Diese Personen – im PMI Jargon „Item-Writer“ genannt – erstellen den Erstentwurf einer Frage auf Basis gängiger Literatur, sowie der Role Delineation Study des PMI und natürlich des aktuellen PMBOK Guides.

Das bedeutet, dass der PMBOK Guide nur eine von mehrerern Quellen ist. Ist zwar eine sehr wichtige Quelle, aber nicht die Einzige. Ergo gibt es auch Fragen in der PMP-Prüfung, deren Auflösung nicht im PMBOK Guide zu finden ist.

Ich war vor Jahren selbst einmal Item-Writer und beeindruckt von der Fragenschreib-Veranstaltung: Sieben PMPs trafen sich für ein Wochenende in London und entwarfen in dieser Zeit 18 Fragenrohlinge. Was mir damals wenig erschien war in den Augen des PMI-Managers ein gutes Ergebnis, mit dem er zufrieden nach Philadelphia zurückkehrte. Es wurde viel diskutiert, jede Frage eines jeden Teilnehmers wurde vor und rückwärts durchgesprochen.

25 Testfragen im PMP-Test…

PMP-Fragen

Diese Rohline werden von einer zweiten Gruppe nochmals betrachtet, ggfs. geändert, verworfen oder befördert. Befördert heißt, dass diese Fragen dann in die Produktion übernommen und übersetzt werden und als  „Test“ in die aktuellen PMP-Examen eingespielt werden.

Dort – also in den echten PMP-Prüfungen der Examenskandidaten – tauchen dann die Fragen im Rahmen der 25 Fragen wieder auf, die für das Examensergebnis nicht zählen. Natürlich unmarkiert und für den Prüfling als solche nicht erkennbar. Die Testfragen werden erst dann zu vollwertigen Fragen für künftige Prüflinge, wenn die Fragen in ca. 80% der Fälle richtig beantwortet wurden.

…und 175 weitere…

Insgesamt besteht das PMP-Examen aus 200 Fragen. Das sind die oben erwähnten 25 Testfragen, die nicht zählen und die 175 eigentlichen Fragen, die den Score ergeben. Diese 200 Fragen müssen in maximal vier Stunden beantwortet werden, was eine Beantwortungszeit von rechnerisch 1,2 (dezimal) Minuten / Frage bedeutet.

1 Frage – 4 Antworten – nur eine ist richtig

Multible Choice

Darauf kann man sich in der PMP-Prüfung verlassen: Von vier möglichen Antworten ist immer nur eine richtig

Grundsätzlich hat eine PMP Frage immer vier Antwortmöglichkeiten, wovon nur eine Antwort die richtige ist. Das ist ein Axiom, auf das man sich verlassen kann – auch wenn man manchmal den subjektiven Eindruck hat, es stimmen doch alle vier Antworten.

Nur PMI hat Zugriff auf die Prüfungsfragen

Der gesamte Prüfungsprozess einschließlich der Erstellung und Verwaltung und auch Vorprüfung der PMP-Fragen unterliegt Auflagen, die der Dachorganisation der zertifizierenden Organisationen in Nordamerika entstammen. Sie gibt für ihre Mitglieder Rahmenbedingungen für  faire, vergleichbare und neutral bewertbare Zertifizierungsstrukturen vor. Warum ist das interessant? Nun, ein Aspekt ist die Vertraulichkeit der Prüfungsfragen. PMI behandelt die Prüfungsfragen (man munkelt es gäbe einen Pool von ca. 5000 Stück) als Staatsgeheimnis. Heißt aber auch, dass niemand – wirklich niemand – im Besitz dieser Prüfungsfragen ist.

Wenn wir hier bei Wuttke&Team unsere Kandidaten auf das Examen vorbereiten, verwenden wir Fragen, die dem Examen nachempfunden sind, die wir aber selbst erstellt haben. Das machen alle anderen auch so, niemand hat, wie gesagt, Zugriff auf die echten Fragen.

Nun drängt sich natürlich die Frage auf, woher wir wissen, ob unsere Fragen den Prüfungsfragen entsprechen? Nun, dieses Feedback erhalten wir hundertfach von unseren Teilnehmern …

Es gibt drei Typen von PMP Fragen

Egal welcher Typ: Um PMP Fragen ohne Zeitverlust beantworten zu können, müssen Definitionen, Berechnungsformeln und Fachausdrücke (auf Englisch) sattelfest sitzen. Es empfiehlt sich, Formeln  zu Beginn der Prüfung aufzuschreiben, sich also in der Prüfung einen Spickzettel zu bauen. Das ist erlaubt. Nicht erlaubt ist das „Importieren“ eines Spickzettels. Papier und Stift werden vom Testcenter gestellt.

Typ 1 – Einfache PMP-Fragen

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt auch ziemlich einfache und triviale PMP-Fragen, die in relativ kurzer Zeit zu beantworten sind. So eine PMP-Frage könnte folgendermaßen aussehen:

Ein Projektmanagementplan sollte nicht mit einem Projektauftrag verwechselt werden. Ein Projektmanagementplan hat unter anderem die Aufgabe,

1. das Erreichen der Kostenziele des Projekts sicherzustellen
2. das Erreichen der Terminziele des Projekts sicherzustellen
3. die Kommunikation innerhalb des Projektteams zu verbessern
4. das Projekt zu starten

Antwortstrategie

Wir merken uns grundsätzlich, dass im Projektmanagement gar nichts garantiert oder sichergestellt werden kann. Ein Projekt ist einmalig und hat auch jede Menge Unsicherheiten. Deswegen fallen die

  • Antworten 1 und 2 schon mal weg. Außerdem wäre es schön, wenn man seine Kosten- und Terminziele so einfach erreichen könnte…
  • Die Antwort 3 hört sich nicht schlecht an, mal schauen, ob die 4 noch besser wird
  • Die Antwort 4 kann es ebenfalls nicht sein, weil der Projektstart durch den Projektauftrag („Charter“) erfolgt.

Somit ist die richtige Antwort also die Nummer 3. Der Projektmanagementplan hat zwar nicht nur die Aufgabe, die Kommunikation zu verbessern aber falsch ist es auch nicht…

Typ 2 – Textreiche PMP-Fragen

Es besteht seit einiger Zeit ein Trend, den Fragentext vieler PMP-Fragen voluminöser werden zu lassen. Das kostet Zeit zum Durchlesen, Verstehen und Analysieren. Daher empfehlen wir auch unbedingt, das PMP-Examen in Deutsch abzulegen (siehe Beitrag hier). Eine derartige Frage könnte z.B. so aussehen:

Sie übernehmen ein Projekt ungefähr zur Hälfte seiner zweijährigen Laufzeit. Das Team besteht aus insgesamt 56 Mitarbeiten, mit z.T. externen Mitarbeitern mehrerer Unternehmensberatungen. Es geht um ein Teilprojekt im Rahmen einer Entwicklung eines energieeffizienten Flugzeugtriebwerks. Das Team kommt aus vier Ländern mit zwei kleineren und zwei größeren Standorten. Es gilt herauszufinden, wie diese Einheiten zusammenarbeiten, welche Meetings wo stattfinden, welche Technologie dafür verwendet wird und wie sich dieses Team überhaupt in der Abstimmung zu den verschiedenen Arbeitspaketen gremientechnisch organisiert hat. Wo würden Sie diese Informationen am ehesten suchen und finden?

1. Im Kommunikationsmanagementplan
2. In der Team-Zusammenarbeits Software 
3. In der Stakeholderanalyse
4. In der RACI-Matrix

Antwortstrategie

Diese Examensfrage ist ein Beispiel für die etwas voluminösere Version. Zwar ist das auch nur eine Definitionsabfrage, aber es wird ein Szenario geschildert, das Zeit zum Lesen kostet. Kleiner Trick: Lange Fragen von hinten lesen! Da versteht man erst einmal, wohin die Frage zielen wird und kann den Text oben drüber selektiver lesen.

  • Antwort 1 klingt schon mal nicht schlecht
  • Antwort 2 kann es nicht sein, weil Software als Werkzeug ja auch einem „Output“ gehorchen muss. Die Frage gilt eher dem Output, dem Artefakt.
  • Antwort 3 kann es auch nicht sein – In der Stakeholderanalyse werden Erwartungen dokumentiert, aber nicht Festlegungen
  • Antwort 4, RACI klingt nicht schlecht, ist aber eine rollenbasierte Verantwortlichkeitsmatrix. Wo Meetings stattfinden ist aber bestimmt nicht in einer RACI dokumentiert.

Somit ist die richtige Antwort also die Nummer 1.

Typ 3 – PMP Fragen nach der besten Möglichkeit

Als letztes Beispiel kommt hier die wohl schwierigste Frageform. Es handelt sich um ein Szenario, das keine Definition abfragt (wie Typ 2 oben), sondern eine Situation schildert und dann nach der besten Möglichkeit sucht. Das trickreiche dieser PMP Fragen besteht darin, dass die vier Antwortmöglichkeiten sehr dicht beieinander liegen. Irgendwie sind alle „ein bisschen richtig“. Diese Fragen bringen viele Prüflinge zur Verzweiflung, weil sie subjektiv ein ständiges Gefühl des „Ratens“ verursachen. Beispiel:

Für das SAP-Migrationsprojekt liegt ein ausgefeilter Kommunikationsmanagementplan vor. Er entstand auf Basis einer Stakeholder-Analyse und ist für die Mitglieder des Projektteams jederzeit auf einem Projektlaufwerk zugänglich. Eine neue Version des Risikomanagementplans (RMP) wird gemäß Kommunikationsmanagementplan an die relevanten Stakeholder verteilt. Während der Mittagspause werden Sie als verantwortlicher Projektleiter von einem Abteilungsleiter – ein wichtiger Stakeholder – angesprochen, dass dieser die neue Version nicht erhalten habe. Nur rein zufällig habe er einen Blick während eines anderen Meetings in das Papier werfen können. Schlimmer noch, er ist mit der dort neu getroffenen Budgetierungsregelung für quantitativ analysierte Risiken nicht einverstanden. Was nun, was machen Sie als nächstes?

  1. Sie notieren sich den Fauxpas in Ihrem Zeitplaner und werden dieses Gespräch nicht vergessen. War Ihnen einen Lehre. Und natürlich wird der fehlende RMP nachgeschickt.
  2. Dieser Sachverhalt muss auf die Agenda des nächsten Steuerkreises – womöglich haben wir noch weitere Personen vergessen und nicht informiert.
  3. Das darf nicht noch einmal vorkommen. Unter allen Umständen muss sichergestellt werden, dass alle uptodate sind. Daher erhalten die Abteilungsleiter künftig jede Projektkommunikation in CC oder BCC.
  4. Der Kommunikationsmanagementplan hat offensichtlich eine Lücke. Diese gilt es zu finden, zu schließen und eine neue Version des KMPs zu erstellen.

Antwortstrategie

Eine zugegebenermaßen noch leichtere Variante. Aber beachten Sie auch hier das Textvolumen. Problem ist, dass die die Antworten differenzierter zu sehen sind. Und diese Fragen fordern nun eine gesunde Interpretation sinnvoller Abläufe, Verantwortlichkeiten und Kompetenzen eines Projektleiters. Denken Sie daran: Die Fragen wurden von Praktikern erstellt, nicht im blauen Turm.

  • Antwort 1 ist eigentlich gar nicht schlecht, aber private Notizen werden das Problem nicht nachhaltig lösen. „Mein Zeitplaner“ ist der falsche Ort, meinem Kollegen kann das gleiche Missgeschick wieder passieren.
  • Antwort 2: Der Steuerkreis wird sich (hoffentlich) bedanken, wenn operationale Fehler zum Tagesordnungspunkt erhoben werden. Das ist alleine Sache des Projektleiters, er trägt die Verantwortung.
  • Antwort 3: Hier wäre die nächste Dankesrunde zu erwarten, wenn die Abteilungsleiter jede Projektkommunikation in Kopie erhalten. Nennt sich Spam und Melden macht nicht frei.
  • Antwort 4: Die einzig sinnvolle Antwort

Somit ist die richtige Antwort also die Nummer 4.

Fazit zu den PMP Zertifizierungsfragen:

Das Zauberwort in diesem Bereich heißt also schlicht und ergreifend: Üben und am besten noch mehr üben! Und dazu auch Definitionen, Berechnungsformeln und Fachausdrücke (auf Englisch) einfach in- und auswendig lernen!

Ein Probeexamen mit 200 Prüfungsfragen können Sie unter möglichst echten Examensbedingungen jederzeit daheim ausprobieren. Und nun: Viel Erfolg!

 


Über den Autor

Thomas Wuttke, PMP, PMI-RMP, PMI-ACP, CSM war für drei Jahre im Board of  Directors für Zertifizierung bei PMI in Philadelphia tätig und hat seit 1999 viele tausend PMPs erfolgreich ausgebildet – über 90% davon in Deutsch. Seinen eigenen PMP hat er 1996 in Boston abgelegt – damals noch mit 8 Stunden Prüfungszeit. Im Jahre 2004 erschien die erste Auflage des Buches „Das PMP-Examen“. Details zur aktuellen Auflage und Hinweise zur Bestellung über den Buchhandel gibt es hier.


Weiterführende Links

Alle Antworten rund um das Thema PMP finden Sie in unserem zentralen MagazinbeitragPMP werden und bleiben – ein Ratgeber

Praxistipps für eine bestmögliche Vorbereitung finden Sie hier:  Praxistipps zur Examensvorbereitung

Höchst effektive Vorbereitung auf die PMP-Prüfung, entweder pur online, geführt in der Gruppe im Blended Learning oder im 1:1 Coaching mit Thomas Wuttke? Nähere Infos auf unserer Webseite  www.wuttke.team/pmp

(M030) Letzte Aktualisierung: 15.Juni 2018, (c) Copyright by Gita GmbH Herrsching, PMI und PMP sind geschützte Warenzeichen des Project Management Institutes, Newtown Square, USA