Ab wann ist man wie agil?

Agile Ansätze, Werkzeuge und Methoden sind en vogue. Leider klappen sie nicht immer, was zu verwässerten Ansätzen führt. Irgendwann ist dann auch der letzte Rest Agilität rausgespült…

Agil ist cool

“Wir haben nicht mehr Zeit, das XY-Projekt gemäß unseres Prozesses richtig aufzusetzen? Na, dann manchen Sie doch das Projekt agil und sparen sich Dokumentation und den ganzen Prozessfirlefanz”

Diese Aussage stammt von einem Bereichsleiter in einem Projektmeeting. Ich schwöre, so wahr ich hier schreibe.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Die agile Welt, allem voran SCRUM, kam mit einer ganzen Armada neuer Begriffe, Ansätze, Ideen und Konzepte daher und brachte der Projektmanagementwelt gehörig durcheinander. Zuerst als spinnerte Idee abgetan, lachen heute die wenigsten darüber. Zu viele Erfolgsgeschichten, zu viele begeisterte Jünger, zu viele gute Produkte. Und neue Begriffe: man denke nur an Backlog, Sprint, Velocity, Impediment usw. Aber so wenig eine Schwalbe einen Sommer macht, so wenig macht ein Backlog ein agiles Vorgehen.

Alter Wein im neuen Schlauch

Es war absolut richtig, dass die Väter der agilen Bewegung komplett neue Begrifflichkeiten einführten um der Welt klar zu machen, dass hier ein neues Denken stattfindet. Leider darf man Begrifflichkeiten und neues Handeln nicht verwechseln. Und oft genug wurde das vermeintlich neue Denken auf die Einführung der Werkzeuge reduziert. Man hat jetzt morgens Dailies, sammelt Backlogs und schätzt im Planning Poker. Aber die Denke – die neue Denke – findet nicht statt. Ergo: Alter Wein im neuen Schlauch.

Nichts gegen Wasserfall

Kann es einen agilen Brückenbau geben?

Kann es einen agilen Brückenbau geben?

Um es deutlich zu sagen: ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass alle Projekte nun agil gemacht werden müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, eine Brücke agil zu bauen oder einen Motor agil zu entwickeln. Oder einen Hauptstadtflughafen. Obwohl – wie es scheint – dieser Versuch seit Jahren läuft. Der gerne abschätzig genannte “Wasserfall – Ansatz” hat seine absolute Berechtigung. Sobald ich weiß, was ich will und den Weg aufplanen kann, wie ich dorthin komme, ist Wasserfall der Ansatz der Wahl.

Wenn das Ziel in etwa klar ist, der Weg aber nebulös und wenn wir viele Rückkopplungen auf dem Weg dorthin haben und benötigen, wirkt agil Wunder.

Werkzeuge und Methoden

Ziemlich en vogue sind hybride Ansätze, oder auch “das beste aus zwei Welten”. Aber was ist das beste aus zwei Welten? Lassen Sie uns erst einmal eine Unterscheidung treffen. Eine Unterscheidung zwischen Werkzeuge und Methoden.

Methoden wäre einerseits der eher phasenorientierte wasserfallartige Ansatz – old school sozusagen – und der iterativ zyklische Ansatz – new school oder agil. Der krasse Unterschied zeigt sich im Umgang mit Änderungen. Änderungen sind im frühzeitig aufgeplanten System eher hinderlich und eher nicht willkommen. Das System steht, die Auftraggeber sind informiert, wir sind auf der Reise und wollen in möglichst grünen Ampelfarben ankommen.

Agiles Handeln – die agile Essenz – ist offen für Änderungen. Nein, offen ist nicht korrekt. Änderungen sind der Entwicklungsmotor zum begeisterten Produkt, einem Produkt, das die volle Akzeptanz des Kunden oder Endbenutzers genießt. Und möglicherweise vielleicht nicht die des Abteilungsleiters, Steuerkreises oder Projektcontrollers. Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler…

Lass uns unser Projektmanagement “agilisieren”

Die agile Werkzeugkiste enthält einige interessante Aspekte bereit. Planning Poker – das relative Schätzen – erfolgt einvernehmlich in der Gruppe und nur von denen, die die Arbeit auch durchführen. Sehr cool. Kann man auch im Wasserfall machen. Gute Idee. Nur wird dadurch die Methode nicht agil.

Und daraus ergibt sich nun eine Matrix mit 4 Feldern:

Agile Werkzeuge und agile Methoden

Agile Werkzeuge und agile Methoden

Quadrant A – Klasssische Werkzeuge und agile Methode. Oh ja, geht auch. Und zwar gut. Muss die Leistung im Sprint als Burndown dargestellt werden? Man kann auch einen Burn-up nehmen – selbst ein Earned Value würde funktionieren. Und was ist mit Risikomamanagement?

Quadrant B – Klasssiche Werkzeuge und Methode. Das ist “Wasserfall” in Reinform.

Quadrant C – Agile Werkzeuge und Methode. Das ist agil in Reinform.

Quadrant D – Agile Werkzeuge und klassische Methode. Gute Ideen adaptiert, aber im Kern ist dieser Ansatz klassisch und keineswegs agil.

Es geht bei dem Thema agil oder nicht agil gar nicht so sehr um das “Eine” agil. Die Frage muss lauten: Agile Werkzeuge? Oder agile Methoden?

Oder beides?


Hier geht’s zu dem agilen Bereich unserer Webseite: www.wuttke.team/agil

UTM-Backlog oder was?

(MAGIL002) Letzte Aktualisierung: 26. September 2016, (c) Copyright by Gita GmbH Herrsching.